Ökumenischer Pilgerweg
St. Jost im Fischbachtal

13. Ökum. Pilgertag 2020

"Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch."

Start: St.-Jost-Kapelle bei Niedernhausen | Samstag, 04. Juli 2020, 10:00 Uhr


Ewas bang haben die Organisator:innen diesem Tag entgegen­gesehen:
kommen Viele oder Wenige oder gar Niemand? Ist das Hygiene­konzept ange­messen? Darf gesungen werden? Gibt es neue Einschränkungen?
Am Pilgertag selbst war das Aufatmen fast hörbar: alles passte, die Sorgen waren unnötig und das Beste war - es kamen viel mehr Gäste als erwartet.
Scheinbar gibt es hier eine große Sehn­sucht nach Gemein­schaft und nach Natur­erlebnis. Das zumindest ergaben dies Gespräche während des Pilgerns, die jedoch sicher nicht repräsentativ sind.

Bringt uns die Corona-Pandemie zum Nachdenken über den Wert von Gesundheit, über unser Verständnis von Krankheit und Heilung?

Zur Andacht in der St.-Jost-Kapelle am Beginn des Tages kamen ca. 55 Gäste.
In seiner Predigt hatte Pfarrer i.R. Werner Stoklossa als Predigttext die Heilung des besessenen Geraseners gewählt (Markus 5, 1-15).

Pfarrer Stoklossa stellte zu Beginn die Frage: „Der St.Jost-Pilgertag hat dieses Jahr das Thema: Gesundheit und Nachhaltigkeit. Bringt uns die Corona-Pandemie zum Nachdenken über den Wert von Gesundheit und über unser Verständnis von Krankheit und Heilung? Die eben geschilderte Krankheit und Heilung des Geraseners durch Jesus möge uns dabei helfen.

Da ist zunächst die Krankheitsdiagnose „Besessenheit“. Solche unmedizinische Beschreibung  erscheint uns befremdlich, abergläubisch. Sie wurde von Menschen gebraucht, die keine Blutwerte, keine Hormon-spiegel, keine Gehirnströme messen konnten, aber beobachteten, dass ein Mensch „aus der Rolle“ fiel, nicht mehr seiner selbst mächtig war, unverständlich redete, aggressiv gegen Mitmenschen handelte und sogar sich selbst verletzte.
Der Corona-Virus hat uns alle wie ein „unreiner Geist“ überfallen. Auch Medi­zinerInnen hatten keine kompletten Erklärungen, konnten keine 100%igen Therapien verordnen; sie mussten das Virus erst kennen­lernen. Regierungen, Gesundheits­ämter ordneten in sogenannten Hotspots Quarantäne­maßnahmen an.
Viele Menschen empfanden das als vernünftige Vorsicht, andere fühlten sich dadurch wie gefesselt oder einge­sperrt. Wieder andere unterl­ießen demonstrativ und provokativ die Schutz­maßnahmen – und schädigten z.T. sich selbst und andere. Es gibt einen Corona-Koller und einen Anti-Corona-Koller.

Besessenheit. Wenn jemand sich nicht bändigen lässt - sind das etwa auch wir? Wenn wir nicht ertragen können, das der nächste geplante Urlaub nicht stattfinden kann? Wenn wir Zahlen­spiele betreiben, welche Altersgruppe weniger betroffen ist und daher weniger Beschränkungen hinnehmen will? Wenn wir „auf Teufel komm raus“ gefüllte Obst-, Gemüse- und Fleisch­regale im Supermarkt haben wollen – egal, von wem und unter welchen Bedingungen sie geerntet und beschafft werden? Schmeißen auch wir da Steine auf uns selbst?  Die Corona-Pandemie führt uns einen umfassenderen Wahnwitz und Selbst­schädigung durch unsere Lebensweise vor Augen. Wie kommen wir als Einzelne und als Gesellschaft wieder zur Besinnung, sodass wir ruhig und bei klarem Verstand sind?

Jesus stellt sich unbegriffenen Mächten und Kräften entgegen, indem er dem schreienden „Irren“ aus der Grabhöhle nicht ausweicht, sondern ihn nach seinem Namen fragt. Die Antwort: „Legion“, die der Wirre herausschreit, hat keinen Sinn, außer dass es die Bezeichnung der römischen Besatzungsmacht vor der Haustür Gerasas ist. Jesus will aber durch die schlimmen, bedrückenden Zustände der Gesellschaft zu dem Menschen vordringen, der leidet und der von dem Druck befreit werden will – auch wenn er es abwehrt.
Das bringt den als Irren abgestempelten Menschen in eine Zerreißprobe: Will er geheilt werden? Will er überhaupt unter die sogenannten „Normalen“ wieder zurück? Hat er sich in seinen Wahnvorstellungen, in seinen Ticks nicht eingerichtet – schlecht zwar, aber er wird in Ruhe gelassen, weil er Horror erregt.

Heilung ist nur möglich, wenn wir uns von falschen, ungesunden, krankmachenden Systemen trennen.

Liebe Pilgergemeinde! Auch unser Wunsch nach Heilung und Gesundheit muss Wider­stände überwinden, Wider­stände gegen notwendige Veränderungen. Was ist uns die Gesundung und Heilung unserer Gesellschaft, unserer Menschen­gemeinschaft wert?
Die Heilungsgeschichte beschreibt drastisch eine „Ausfahrt des unreinen Geists“ in eine Schweine­herde, die sich einen Abgrund hinunter zu Tode stürzt. Die Schweine­besitzer protestieren: der Heiler zerstört ihr Fleisch­geschäft! Er soll bloß verschwinden! Die Heilung des Geraseners, der symptomatisch für die Bevölkerung von der „Legion“ fremd­bestimmt und besetzt ist, kann nur erfolgen, wenn das „Schweine­systems“ aufgegeben wird.

Und wir heute? In der Corona-Pandemie? Heilung ist nur möglich, wenn wir uns von falschen, ungesunden, krank­machenden Systemen trennen. Was stürzt da bei uns ab? Ein irres System der Über­produktion von Lebens­mitteln, Konsum­waren, Luxus­ansprüchen, Zeit-Totschlag-Maschinen. Ein System, dass himmel­schreiende Ungleichheit erzeugt und verfestigt.
In solche Produktion werden wir Menschen hinein­gedrängt und hinein­gezwängt, wo wir vielleicht viel bessere Ideen, Talente, Werte einbringen und verwirklichen könnten und wollten: Zukunfts­trächtiges, Lebens­wertes, was das ganze Jahr über Befriedi­gung schafft, so dass man nicht für 14 Tage „Urlaub“ in eine exotische Welt flüchten muss. Lebens­wertes, was unseren Kindern und Kindes­kindern ein Weiter­leben auf dieser Erde möglich lässt.
„Lass es los, was dich verrückt macht!“ sagt Jesus. „Komm setz dich zu uns, nimm hier diese Hose, dieses Hemd. Lass uns reden. Du gehörst mit dazu!“
"Die Einwohner kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der vom Dämon „Legion“ besessen gewesen war. Er saß da, ordentlich angezogen und bei klarem Verstand"

Mit diesem Bibelvers endete die Predigt.
Solchermaßen ausgestattet mit Fragen und Thesen aus der Predigt von Pfarrer Stoklossa ging die Gemeinschaft der Pilger und Pilgerinnen auf ihren Weg.

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